Rosbacher setzen auf Solides / Frankfurter Neue Presse vom 19.12.2015

Vor zwei Jahren kamen die ersten beiden Syrer in Rosbach an, einquartiert im Bahnhofsgebäude. Ende 2015 sieht es ganz anders aus: Gut 140 Flüchtlinge leben in der Stadt. Bis Mitte 2016 kommen noch etwa 120 dazu, schätzt Bürgermeister Thomas Alber (parteilos). Dann sind es zwei Prozent der Bevölkerung. „Das ist darstellbar und einfach zu organisieren“, so Alber am Donnerstagabend in der Adolf-Reichwein-Halle.

Sehen die Bürger das genauso? Mit Mikrofon und Video-Beamer erklärte Alber ausführlich, wie er all die Flüchtlinge unterbringen will und wer sich um sie kümmert. Dann öffnete die Stadtverordnetenvorsteherin Regina Karehnke das Saalmikrofon. Erst nach zwei Minuten kamen Fragen.

Was er genau mit dezentraler Unterbringung meine, wollte ein Rosbacher wissen. Thomas Alber: „Wir wollen die Flüchtlinge an 20 bis 25 Standorten unterbringen – in Neubauten, Mietwohnungen und gekauften Häusern.“ 13 Standorte hat die Stadt zur Verfügung – allerdings muss sie bald das Silica-Bürogebäude im Gewerbegebiet Sang räumen, weil es abgerissen wird. Die 48 Bewohner brauchen dann eine neue Bleibe.

Zwei-Etagen-Fertighäuser

Vier bis fünf neue Unterkünfte für jeweils 15 bis 25 Flüchtlinge will die Stadt in der ersten Jahreshälfte auf eigenem Grund bauen lassen, so der Bürgermeister. In einem „Interessenbekundungsverfahren“ meldeten sich 30 Baufirmen. Eine könne bis Jahresmitte die Häuser in Holzständerbauweise errichten. Wie die ungefähr aussehen, zeigte Alber per Videobeam: zweigeschossige Fertighäuser, bei Bedarf mit Satteldach, ohne Keller. Die Wohn- und Schlafräume für jeweils zwei Menschen werden zwölf Quadratmeter groß, hinzu kommen Küchen und kleine Badezimmer.

All das „sind keine Villen – aber auch keine Container“, so Alber. Die Häuser seien auch für Einheimische bewohnbar. Wo kann gebaut werden? In allen drei Stadtteilen gebe es Standorte, so Alber. Welche genutzt werden, zeige sich in den nächsten Tagen. Vielleicht auf dem früheren Spielplatz an der Rodheimer Helgebornstraße, auf der Grünfläche am Rodheimer Bürgerhaus oder neben dem Nieder-Rosbacher Bolzplatz.

Wie teuer werden all die Flüchtlingswohnungen für Rosbach? Zunächst leiht sie bis zu drei Millionen Euro, sagte der Bürgermeister. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau biete zinslose Darlehen an, bei Banken müsste die Stadt maximal 0,41 Prozent Zinsen zahlen. Die Tilgung dieser Schulden könnte laut Alber aus der Kostenerstattung des Kreises fließen. Ob Kind oder Greis – für jeden Flüchtling zahlt er momentan rund sieben Euro pro Tag.

Ein gutes Geschäft

Weil der Kreis künftig mehr als 800 Euro im Monat pro Flüchtling vom Land bekommt, habe er den Kommunen höhere Erstattungen zugesagt. Unterm Strich könnten Flüchtlingswohnungen für die Stadt ein gutes Geschäft sein, ließ Alber durchblicken. Sie bekomme ohne eigenes Geld langfristig ein größeres Immobilienvermögen.

Wer sich um all die Wohnungen kümmere, wollte ein Bürger wissen. Das müsse wohl die Stadt tun, so der Bürgermeister. Deshalb habe er auch ein Interesse daran, neuen Wohnraum zu schaffen, der nicht dauernd saniert werden müsse. „Was tun die Flüchtlinge eigentlich?“, fragte ein Rosbacher. Nach der Ankunft werden sie medizinisch untersucht, dann versorgt man sie mit Kleidung und Haushaltsgegenständen, antwortete Frauke Stock. Die Fachbereichsleiterin im Rathaus organisiert die soziale Betreuung der Flüchtlinge. Dazu gehören Deutschkurse an wochentags zwischen 10 und 12 Uhr, Spielnachmittage für Kinder und Angebote der Sport- und Kulturvereine. Stock: „Wir versuchen, die Leute in unserer Welt ankommen zu lassen.“ Manche Flüchtlinge seien als Ein-Euro-Jobber im Recyclinghof aktiv und leisteten ordentliche Arbeit. Im Januar sollen die ersten drei Flüchtlingskinder reguläre Kita-Plätze bekommen. Die Betreuung der Flüchtlinge wird seit September mit monatlich 30 Euro pro Kopf vom Kreis finanziert.

Am Ende der Versammlung zeigte ein Bürger, dass ihm die ganze Richtung nicht passt: „Wann bauen wir denn die erste Moschee?“, rief er in den Saal. Alber schüttelte den Kopf, manche lachten.

Frankfurter Neue Presse, 19.12.2015

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