Bürgerzeitung Rosbach – Herbst 2016

Ein schönes Interview mit Herrn Tiegs über die Deutschkurse aus der aktuellen Bürgerzeitung.

 

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Ein denkwürdiger Besuch in „Die Sang“

Ein denkwürdiger Besuch in „Die Sang“

Für uns stand schon lange fest, dass wir uns für Flüchtlinge in unserer Stadt engagieren wollten. Nicht zuletzt die TV-Berichte über die unsäglichen Leiden, welche die Flüchtenden auf ihrem langen Weg von Afghanistan oder Syrien über die Balkanroute bis nach Deutschland ertragen mussten, haben uns darin bestärkt, dass wir alles tun müssen, um diesen Menschen das Ankommen in einer völlig anderen Kultur, in einem anderen Klima, umgeben von Menschen, die eine andere Sprache sprechen und ihnen leider auch nicht immer wohlgesonnen sind, zu erleichtern.

Wir setzten uns mit der Stadt Rosbach in Verbindung und trafen uns am 7. März mit Herrn Augustin direkt in der damaligen Flüchtlingsunterkunft in „Die Sang“. Eine kurze Führung durch das Gebäude zeigte: Die über 30 Geflüchteten, teils Familien, teils Paare, teils Alleinstehende, mussten auf engstem Raum mit sehr wenig Privatsphäre zurechtkommen.

Unerwartete Gastfreundschaft

Als wir uns ins Büro zurückzogen um zu besprechen, welche Möglichkeiten der Unterstützung es gibt und wo die Not aktuell am größten ist, klopfte es nach wenigen Minuten an der Tür und ein Vater brachte uns mit seiner kleinen Tochter ein Tablett mit Tee, Kaffee und Gebäck. Soviel unerwartete Gastfreundschaft rührte uns.

Noch einmal 5 Minuten später klopfte es wieder und eine Dame brachte uns einen großen Teller Pommes Frites. Das ist umso beeindruckender, als dass die Flüchtlinge in diesem Gebäude keine Küche hatten, in der sie die Speisen hätten zubereiten können.

Wir hatten keine Ahnung, woher die Menschen überhaupt wussten, dass wir vor Ort waren, denn wir hatten bis dahin nur zwei kleine Kinder gesehen.

Spontane Hilfe bei der Einrichtung eines Laptops

Im Laufe des Gesprächs stellte sich heraus, das aktuell Hilfe beim Einrichten eines Laptops benötigt wird. Logisch, ein Laptop, den man hier kauft, wird standardmäßig mit deutschen Programmen ausgeliefert. Nun sprachen die Neuankömmlinge aber noch kein Deutsch und nicht genug Englisch, um nach der Installation die Anzeigesprache auf Persisch und Farsi umstellen zu können.

Auf dem Weg zur Familie, der dieser Laptop gehörte, sahen wir nur ein paar Kinder, die über die Flure liefen. Der Vater zeigte uns das Problem und wir versuchten, es direkt vor Ort zu beheben. Leider reichte die Internetverbindung per Mobiltelefon dafür nicht aus, da große Datenmengen heruntergeladen werden mussten. Wir boten dem Herrn an, dass wir seinen Laptop mit nach Hause nehmen und dort wunschgemäß einrichten würden. Wir versprachen ihm, dass wir ihm seinen Laptop noch am selben Abend wiederbringen würden. Uns überraschte seine zustimmende Antwort: Nicht jeder gibt einfach so einen nagelneuen Laptop, der von den geringen zur Verfügung stehenden Mitteln selbst gekauft wurde, an Wildfremde. Denn die waren wir für diese Menschen – Wildfremde, die ihre Hilfe anbaten. Ein gewaltiger Vertrauensvorschuss, den wir so auch nicht erwartet hätten.

Beeindruckende Deutsch-Kenntnisse

Am Ausgang kamen wir noch ins Gespräch mit weiteren Bewohnern. Einer von ihnen unterhielt sich in beeindruckend gutem Deutsch mit uns, während wir ihm auf Englisch antworteten, um die Umstehenden auch mit in das Gespräch einzuschließen. Er erzählte uns, dass er seit vier Monaten in Deutschland sei und seit zwei Monaten Deutsch lerne. Unglaublich! Wir könnten weder Arabisch noch Farsi in nur acht Wochen so lernen, dass wir uns auch nur annähernd auf einem so hohen Niveau unterhalten könnten.

Nachdem wir den Laptop aktualisiert hatten, haben wir ihn am selben Abend noch wieder zurück gebracht. Nicht nur der Vater, der uns das Gerät überlassen hatte, war uns sehr dankbar für die spontane Hilfe, auch und insbesondere seine Frau strahlte über das ganze Gesicht als sie sah, dass nun alles in Farsi auf dem Laptopbildschirm erschien.

Nach diesen kurzen Begegnungen waren wir umso überzeugter, dass wir unsere neuen Mitbürger in Rosbach und Rodheim unterstützen wollten. So viel Wärme und Offenheit erlebt man hierzulande leider nur noch selten. Obwohl wir Fremde waren, fühlten wir uns sehr willkommen in „Die Sang“. Unser Ziel ist es, den Neuankömmlingen ein ähnlich gutes Gefühl zu geben, wenn sie damit anfangen, unsere Stadt und ihre Bewohner besser kennenzulernen.

Autoren: Andrés Alvarez & Michaela Flint

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Willkommen! – Ein Bericht aus der Villa Konfetti

Willkommen! – Ein Bericht aus der Villa Konfetti

Seit über vierzig Jahren bin ich beruflich damit beschäftigt, kleine, noch weitestgehend gruppenunerfahrene Menschen bei ihren Schritten in einen neuen Lebensabschnitt zu begleiten und zu unterstützen. Manche kommen aus der Krippe zu uns, andere von Tagesmüttern und viele aus der familiären Betreuung.

Alles ist für alle neu und fremd – und Erzieherinnen, Kinder und Eltern stehen vor einer gewaltigen Aufgabe. Die Neulinge kommen in eine völlig neue Umgebung, bewältigen auf unterschiedliche Weise den Abschied von lieb gewonnenen Personen und müssen erneut Beziehungen zu erwachsenen Bezugspersonen und Kindern verschiedener Altersstufen aufbauen. Eltern müssen sich von ihren Kindern trennen und Erzieherinnen ihr „Liebstes“ anvertrauen. Diese Erzieherinnen wiederum sind gefordert, sich auf die neuen kleinen und großen Besucher der Kita offen, einfühlsam und vorurteilsfrei einzustellen.

In dieser komplizierten Phase wären alle Beteiligten ohne Vertrauen und Zuversicht verloren! Die Erfahrung zeigt uns, dass ausnahmslos jede Aufnahme neuer Menschen in die Gemeinschaft gelingen kann, wenn die Grundregeln des Miteinanders bekannt sind und verstanden werden:

  • Wir verwenden viel Zeit darauf, uns gründlich kennen zu lernen.
  • Wir hören einander aufmerksam zu, auch wenn es kritisch wird.
  • Wir versuchen, die Sichtweise des anderen zu verstehen, auch wenn wir sie nicht immer gutheißen.
  • Wir sind offen und neugierig und freuen uns über Menschen aus anderen Kulturen oder schwierigen Lebensumständen.
  • Unterlegene genießen unseren Schutz.
  • Wir grenzen niemanden aus, sondern versuchen herauszufinden, warum es Probleme gibt.
  • In unserem Haus gibt es „goldene Regeln“, die für alle verbindlich sind und nicht verhandelt werden. Daran halten wir uns.
  • Unsere Grundregeln gelten für Kinder und Erwachsene.

Wir vertrauen einander und sehen uns täglich darin bestätigt, dass es gelingen kann, Fremde zu integrieren. Unser bestes Beispiel ist Dita. Sie ist 22 Jahre alt, aus ihrem Heimatland Albanien geflüchtet und lebt seit 2014 in einer städtischen Flüchtlingsunterkunft. Sie kam zu uns, sprach wenig Deutsch und begann, bei uns in der Küche zu arbeiten. Sie fasste Vertrauen, ging Beziehungen zu ihren neuen Kolleginnen ein und lernte die Abläufe in der Kita sehr schnell kennen. Wir erweiterten ihren Arbeitsbereich und trauten ihr zu, Kinder in Kleingruppen zu betreuen. Sie wuchs an ihren Aufgaben, erweiterte ihren Wortschatz, verlor ihre Zurückhaltung und gewann Fröhlichkeit und Unbeschwertheit. Dita hat erlebt, wie ihr die Tätigkeit in der Kita und die damit verbundene Zuneigung, Akzeptanz und Anerkennung eine völlig neue Lebensperspektive aufzeigte. Daher möchte sie nun Erzieherin werden und hofft, dass sie in Deutschland bleiben darf. Wir unterstützen sie soweit wie möglich.

Im täglichen Miteinander von ungefähr 150 Menschen im System der Kita kommt es naturgemäß auch zu Spannungen – das wird jeder verstehen, der sich in größeren oder kleineren Gruppen bewegt. Diese Konflikte zu unterdrücken oder zu dramatisieren, verstärkt das Problem und steht in direktem Widerspruch zu unseren Erziehungszielen.Daher gilt für uns, einfühlsam und offen aufeinander zuzugehen, Konflikte sofort zu klären und die Grundregeln des menschlichen Miteinanders zu achten. Seit nunmehr 20 Jahren ist dies die Basis unserer pädagogischen Arbeit in der Villa Konfetti.

Ohne die intensive Zusammenarbeit mit so vielen Menschen, denen Empathie, Geduld, Fachkenntnis und Verständnis alles bedeutet, hätte ich meinen Beruf niemals so lange und begeistert ausüben können. Ich wünsche mir, dass es Ihnen leicht fallen möge, ihr Herz zu öffnen und Menschen ohne den furchtsamen Blick auf Herkunft und Kultur freundlich zu begrüßen. Ich habe damit die besten Erfahrungen gemacht.

Autorin: Gudrun Mütze von der Lahr, Leitung Villa Konfetti

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